Was findest du, wenn du drei Tage allein im Wald bist?
Ich war drei Tage allein im Wald, ohne Essen, ohne Telefon, ohne etwas zum Lesen und Schreiben. Am ersten Tag habe ich im Kopf das Schulsystem umgebaut. Am zweiten Tag war ich am Boden. Herausgekommen bin ich mit drei Wörtern, die ich danach jahrelang unter meine Mails geschrieben habe: explore, enjoy, share.
Angefangen hat das mit einer Reise. Meine Mutter hat mir den Flug nach La Palma gebucht, weil sie mich nicht draußen im Schnee schlafen lassen wollte. Aus dieser einen Reise sind zwei Jahre unterwegs geworden. Ich wollte wissen, ob ich zurechtkomme, ohne vorher etwas zu wissen. Es ging mir um Wachstum. Ich bin absichtlich in die Panik gegangen und absichtlich in die Begeisterung. Ich habe mich fast wie eine Zeichentrickfigur behandelt, die ich steuern und formen kann.
Die Idee ist nicht meine. Sie stammt aus einer Tradition indigener Völker Nordamerikas, in der junge Menschen für einige Tage allein in die Natur gehen, wenn sie erwachsen werden. Ich habe sie von außen übernommen, ohne Teil dieser Tradition zu sein, und das gehört dazugesagt. Genommen habe ich den Rahmen: allein, kein Telefon, nichts zu lesen, nichts zu schreiben, kein Essen. Wasser aus einem kleinen Wasserloch und ein Feuer.
Der erste Tag war großartig. Ich war voller Ideen. Ich habe im Kopf das Unterrichtssystem erneuert, überlegt, wie man daraus ein Verteilungssystem für Ressourcen bauen könnte, und dabei den Welthunger gelöst. Am Abend hatte ich alles gelöst und bin gestresst schlafen gegangen.
Am zweiten Morgen hat sich mein Körper nicht bewegt. Ich hatte auf Felsen geschlafen, vielleicht daran. Ich habe mich zur Wasserstelle geschleppt und war zu müde, um an das Wasser zu kommen. Also saß ich auf einem Stein. Wer sehr müde ist, sitzt fast so da wie jemand, der depressiv ist: flach geatmet, Schultern nach innen, Kopf unten. Ich hatte ohnehin nichts zu tun, also habe ich mich entschieden, mich da hineinfallen zu lassen.
Dann kamen die Fragen. Ich habe mich selbst einen Lügner genannt. Ich sei mit gar nichts verbunden, mein Körper sei sehr wohl begrenzt, meine Zeit auch. Ich wollte den Welthunger lösen und Clown werden und Astronaut, und ich konnte das nicht alles gleichzeitig. Drei Meter vor mir war eine Klippe. Ich habe hinuntergeschaut und gedacht, was wäre, wenn ich springe. Ich würde mich auflösen, Teil von allem werden, endlich unbegrenzt sein. Ich habe mir erlaubt, ins Dunkle zu gehen. Wenn dich solche Gedanken besuchen, sprich mit Menschen darüber.
Dann kam eine Frage, die den Ausschlag gegeben hat. Ich stelle sie mir bis heute, wenn ich feststecke.
Was ist gut an dem, woran du gerade verzweifelst?
Ich habe auf Englisch gedacht, und ein einziges Wort ist mir in den Kopf gesprungen, groß und hell. Enjoy. Danach war ich sofort wieder da. Ich habe an meinen kleinen Bruder gedacht, sieben Jahre alt, und an meine kleine Schwester. Kinder probieren alles aus und fragen vorher nicht, ob es sich rechnet. So geht Genießen.
Auf dem Weg zurück zum Wasser war ein Loch in der Felswand, ein Rohr, durch das normalerweise Wasser läuft, keinen Meter breit. Hinein kommt man nur flach liegend, robbend. Ich hatte einen Wanderstock dabei. Den habe ich voraus in das Loch geschoben und bin hinterhergerobbt, über Steine, über Sand, wieder über Felsen. Es war komplett dunkel und heiß. Nach vierzig oder fünfzig Metern habe ich Licht gesehen. Auf der anderen Seite lag ein großer Wasserfall.
Dort kam das dritte Wort. Ich wollte das jemandem erzählen. Aus dem Wasserhahn, an dem ich am Morgen zu müde gewesen war, wurde ein Bild für mich selbst: aufnehmen, was von überall kommt, es durch sich hindurchfließen lassen, genießen, weitergeben.
Wenn wir teilen, was wir genießen, können wir wirklich alle Limits durchbrechen.
Zehn Jahre später habe ich eine Rede gehalten, in einem Traum, und beim Aufwachen diktiert. Sie heißt Drei Schlüssel und nennt drei Dinge: klare Werte, einen nordstern und das, was du unvernünftigerweise einfach weiter selbst tun willst. Der dritte Schlüssel ist das Wort aus dem Wald, nur genauer. Mein Nordstern in der Rede ist Bildung, aus ersten Prinzipien neu gedacht. Genau das hatte ich am ersten Tag schon im Kopf, in unbrauchbarer Form.
that is my life motto that I'm living right now: explore, enjoy, share
In der Schule steckt der mittlere Teil. Bei Paideia baut ein Mentor die Welt, setzt eine Herausforderung, hält die Konsequenz und liefert die Lösung nicht selbst. Die Heldengeschichte gehört dem Kind. Meine habe ich bekommen, weil mir drei Tage lang niemand geholfen hat. Ein Kind soll dafür keine Klippe brauchen, und darin liegt die Arbeit.
Zwei Dinge würde ich heute anders sagen. Ich habe mich damals absichtlich fallen lassen, als wäre das eine Technik. Ich würde das niemandem empfehlen und würde es selbst nicht wieder so aufsetzen. Und gewirkt hat die Stille. Drei Tage lang kam nichts herein, und das lässt sich auch harmlos herstellen. Aus demselben Sommer stammt ein zweiter Fund, an einem Vormittag aufgeschrieben: ein tieferer Sinn und eine austauschbare Form dafür. Daraus ist später World Modeling geworden.
Wie ich heute mit den ersten Minuten einer Krise umgehe, steht in Was tust du in den ersten fünf Minuten, wenn alles schiefläuft? Was ein unangenehmes Gefühl meldet, in Was will dir ein unangenehmes Gefühl sagen? Den Moment, in dem ich zum ersten Mal für mich selbst aufgestanden bin, beschreibt Wann hörst du auf, das Drehbuch anderer zu leben? Was aus dem Gedanken von Tag eins geworden ist, steht in Wie lange braucht eine Idee, bis sie eine Schule wird?
Spontaneous Talk: My Life Motto, Lightning Talks Munich
Fünf Minuten, auf Englisch, spontan auf der Bühne erzählt. Die ganze Geschichte, so wie ich sie öffentlich erzähle. https://www.youtube.com/watch?v=QDWrHy05J6Q
Das Motto in drei Sätzen
Erforsche offen. Probier die Dinge aus, statt sie dir vorher auszurechnen.. Genieße mutig. Genießen ist eine Fähigkeit, und sie braucht Mut, weil sie das Auf und Ab mitnimmt.. Teile, was du genießt. Was du weitergibst, hängt nicht mehr an deiner Zeit und deinem Körper.
Quellen und Links
Spontaneous Talk: My Life Motto, Lightning Talks Munich (https://www.youtube.com/watch?v=QDWrHy05J6Q). Drei Schlüssel, die Rede (/drei-schluessel). Was tust du in den ersten fünf Minuten, wenn alles schiefläuft? (/denken/wenn-alles-schieflaeuft). Wann hörst du auf, das Drehbuch anderer zu leben? (/denken/der-schalter). Wie lange braucht eine Idee, bis sie eine Schule wird? (/denken/wie-aus-einer-idee-eine-schule-wird)
Diese Notiz wächst
2026-09-03: Gepflanzt aus dem öffentlichen Vortrag "Spontaneous Talk: My Life Motto" und einem Interview von 2016.