Macht Nachdenken eine Gruppe klüger?
Mehr Rechenfähigkeit und Reflexion sollten Urteile treffsicherer machen. Bei Themen, die an die eigene Gruppe gebunden sind, zeigt sich das Gegenteil: Die stärksten Denker polarisieren dort am meisten.
Kahan und Kollegen zeigten 2012 in einer großen Erhebung zum Klimarisiko: Die Polarisierung zwischen politischen Lagern war bei den Personen mit der höchsten Bildung in Naturwissenschaft und Rechenfähigkeit am größten. Kahan fand 2013 dasselbe Muster für die Fähigkeit zur kognitiven Reflexion. Im Motivated-Numeracy-Experiment von Kahan, Peters, Dawson und Slovic aus dem Jahr 2017 lasen dieselben Menschen eine Datentabelle richtig, solange sie als Hautcreme-Studie galt, und falsch, sobald die exakt gleiche Tabelle als Daten zur Waffenkontrolle galt und das Ergebnis der eigenen politischen Seite widersprach. Die rechenstärksten Teilnehmer rationalisierten dabei am geschicktesten.
Für eine einzelne Person ist dieses Verhalten sogar sinnvoll. Die eigene Meinung zum Klima ändert das Klima nicht, kann aber die Stellung in der eigenen Gruppe kosten. Dazu gehört eine Einschränkung: Eine große, vorregistrierte Wiederholung der Studie aus dem Jahr 2021 bestätigte, dass Menschen bei diesen Themen im Sinne der eigenen Gruppe antworten. Dass ausgerechnet die rechenstärksten Menschen dabei am stärksten verzerren, ließ sich darin nicht sauber bestätigen.
Sobald Genauigkeit statt Zugehörigkeit belohnt wird, kippt der Effekt. In den Forecasting-Turnieren von Mellers und Tetlock verbesserte ein einstündiges Training gegen typische Denkfehler die Genauigkeit der Vorhersagen, gemessen am Brier-Score, über vier Turnierjahre hinweg konsistent um 6 bis 11 Prozent. Die Teilnahme am Turnier selbst senkte zusätzlich die Polarisierung der Einstellungen. Meetings und Klassenzimmer brauchen deshalb Formate, die genau das leisten: Vorhersagen, die im Nachhinein bewertet werden, offengelegte Annahmen und Feedback von außen.
Belegt
Kahan und Kollegen (2012, 2013): Polarisierung beim Klimarisiko und bei kognitiver Reflexion war am größten bei Personen mit hoher Rechenfähigkeit und Reflexionsvermögen.. Kahan, Peters, Dawson und Slovic (2017): Dieselbe Datentabelle wurde korrekt oder falsch gelesen, je nachdem, ob sie als neutral oder als politisch strittig etikettiert war.. Chang, Chen, Mellers und Tetlock (2016): Ein einstündiges Training verbesserte die Vorhersagegenauigkeit in Forecasting-Turnieren über vier Jahre konsistent um 6 bis 11 Prozent.. Persson und Kollegen (2021), vorregistrierte Replikation: Die gruppenkonforme Antwort bestätigte sich, die Verstärkung durch hohe Rechenfähigkeit ließ sich nicht zuverlässig bestätigen.. Wette-Dossier 3: Die stärksten Gegner, in ihrer besten Form, Stand 6. Juli 2026.
Diese Notiz wächst
2026-09-02: Gepflanzt aus dem Wette-Dossier zu World Modeling.