Wie entscheidest du, wenn die ganze Wahrheit unerreichbar bleibt?
Ich arbeite mit der subjektiven Wahrheit und sage dazu, dass sie subjektiv ist. Was in mir steht, wirkt weiter, auch wenn die Fakten anders liegen, also behandle ich zuerst das. Die Frage nach der objektiven Version bleibt daneben offen, und ich stelle sie weiter, ohne auf die Antwort zu warten.
Im November 2019 habe ich das in drei Videos innerhalb von zwei Wochen auseinandergenommen. Der Anlass war banal und unlösbar zugleich. Zwei Menschen erzählen dieselbe Geschichte verschieden, beide ehrlich, und die Fassung, die stimmt, ist nicht zu bekommen, weil sich niemand zusammensetzt. Ich wollte damals unbedingt der objektiven Wahrheit den höheren Wert geben, weil ich versucht habe, wissenschaftlich zu denken.
Das Video, in dem ich alle vier vorstellen wollte, kommt nur bis zur ersten. Der Akku war fast leer, zehn Prozent, und dann bricht die Aufnahme ab. Übrig geblieben ist ausgerechnet der Teil, der am meisten trägt: der Übergang von meiner Wirklichkeit zu deiner.
Ich habe das, was du getan hast, so gedeutet. Vielleicht hast du etwas anderes gemeint.
Dieser eine Satz baut die Brücke. Er behauptet nichts über die Absicht des anderen und legt trotzdem offen, was bei mir angekommen ist. Danach kann ich fragen, was auf der anderen Seite wirklich passiert ist, und wir reden über zwei Wirklichkeiten statt über eine Schuld. Es ist die Reihenfolge, die Stephen Covey als erst verstehen und dann verstanden werden beschreibt.
Das Beispiel aus dem Video ist so alt wie die Schule. Hinter dir lachen ein paar Leute. Du bist sicher, sie lachen über dich, und um diese Sicherheit wächst über Jahre ein ganzer Komplex. Objektiv haben sie vielleicht über etwas gelacht, das mit dir nichts zu tun hatte. Selbst wenn du den Beweis dafür bekommst, ändert er wenig, weil er nicht dort ansetzt, wo die Sache sitzt.
Du musst mit deiner subjektiven Wahrheit arbeiten, auch wenn sie faktisch so nicht passiert ist.
Warum die eigene Fassung so überzeugend klingt, hat einen Namen. Bei konfabulation erfindet der Kopf eine Begründung für das eigene Verhalten und hält sie danach für die echte. Deshalb ist Selbstbeobachtung allein ein schwaches Werkzeug, wie in Warum reicht Selbstbeobachtung nicht, um sich selbst zu kennen? steht. Und deshalb verstehe ich world-modeling als Arbeit: Das Bild im Kopf ist nie die Welt, und der einzige Weg besteht darin, es Stück für Stück zu schärfen. Das ganze Buch dazu liegt offen unter World Modeling.
Zwei Wochen früher hatte ich denselben Gedanken schon einmal ausgesprochen, in einer langen Aufnahme über Geld und Ziele. Ich empfehle dort, sich Überzeugungen zu bauen, die einem nützen, und sage im selben Atemzug, dass ich mir dabei selbst nicht traue. Der Fall dahinter ist gut belegt: Wer sich für attraktiv hält, verhält sich anders, und andere reagieren darauf. Nützlich ist die Überzeugung also. Wahr ist sie deshalb nicht.
Im selben Video steht das Gegenargument, das ich seither nicht loswerde. Es kam aus meiner Familie und geht so: Wer sich Wahrheiten baut, die ihm dienen, versteckt sich womöglich vor einem Schmerz, den er nicht gelöst hat. Ich habe es damals stehen lassen, ohne es glattzubügeln, und ich lasse es heute stehen. Die beiden Sätze gewinnen an verschiedenen Tagen.
Der Boden darunter ist first-principles. Ich frage, was sicher wahr ist, und was daraus folgt, statt zu übernehmen, was alle sagen. Bei einer subjektiven Wahrheit ist das sicher Wahre oft klein und trotzdem tragfähig. Sicher ist, dass ich es so erlebt habe. Sicher ist auch, dass ich damit falsch liegen kann. Aus diesen beiden Sätzen lässt sich handeln.
Für Gruppen gilt dasselbe eine Stufe höher. Eine Gruppe kommt der Sache nicht dadurch näher, dass alle gleichzeitig nachdenken, sondern durch die Reihenfolge, in der geredet wird. Das steht in Macht Nachdenken eine Gruppe klüger? Und bei Maschinen ist es die härteste Version derselben Frage: Ein Modell, das nur beruhigt, liefert eine bequeme subjektive Wahrheit. Wie man ihm das abgewöhnt, steht in Muss man einer KI beibringen, unangenehme Wahrheiten zu sagen?
Die Sortierung aus dem Video
Subjektive Wahrheit: das, was für mich sicher wahr ist. Sie steuert mein Verhalten, auch wenn sie falsch ist.. Objektive Wahrheit: das, was unabhängig von mir gilt. Das Ziel jeder Wissenschaft, und selten fertig zu haben.. Relativistische Wahrheit: das, was nur im Verhältnis zu einem Bezugspunkt gilt. Verschiebt man den Punkt, kippt der Satz.. Absolute Wahrheit: das, was ohne jede Bedingung gilt. Darüber lässt sich am wenigsten sagen und am meisten streiten.
Fünf Regeln aus sieben Jahren
Ich sage dazu, auf welcher Ebene ich rede. Was ich empfinde, oder was ich belegen kann.. Ich frage die andere Seite nach ihrer Fassung, bevor ich meine verteidige.. Nützliche Überzeugungen behandle ich als Arbeitsannahme mit Ablaufdatum.. Ich suche weiter nach der objektiven Fassung, auch wenn ich sie heute nicht bekomme.. Einmal im Jahr lasse ich ein red-team gegen meine liebsten Annahmen antreten.
Quellen und Links
World Modeling, das offene Buch (/world-modeling). Warum reicht Selbstbeobachtung nicht, um sich selbst zu kennen? (/denken/warum-selbstbeobachtung-taeuscht). Macht Nachdenken eine Gruppe klüger? (/denken/macht-nachdenken-gruppen-klueger). Muss man einer KI beibringen, unangenehme Wahrheiten zu sagen? (/denken/unangenehme-wahrheiten)
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2026-09-03: Gepflanzt aus drei Videos vom November 2019.