Wie spielt man Träumer, Realist und Kritiker, ohne sich zu verlieren?

Nacheinander, nie gleichzeitig, und jede Rolle bekommt ihren eigenen Platz. Erst träumst du ohne Einwand, dann planst du ohne Traum, dann greifst du den Plan an, ohne die Idee zu meinen. Verlieren kannst du dich nur, solange eine dieser Rollen unbemerkt führt und du sie für dich selbst hältst. Sobald du sie bewusst besetzt, arbeitet sie für dich und du steigst danach wieder aus.

Die Methode ist alt und stammt nicht von mir. Walt Disney hat in seinem Haus drei getrennte Räume benutzt, in jedem wurde anders über denselben Film gesprochen. Robert Dilts hat diesen Ablauf später beschrieben und daraus ein Verfahren gemacht, das heute überall unterrichtet wird. Ich habe es zuerst in einem NLP-Practitioner-Kurs gelernt und 2019 in einem Video ausführlich erklärt. Verwandt ist es mit den sechs Denkhüten von Edward de Bono, bei denen sechs Hüte für sechs Rollen stehen.

Die Ausgangsfrage im Video war eine ganz andere: Ist eine optimistische, eine pessimistische oder eine realistische Sicht die beste? Meine erste Antwort war realistisch, und sie stimmt nicht. Kaum eine Eigenschaft ist in jeder Lage die richtige. Damals standen drei Wörter als Hintergrundbild auf meinem Bildschirm: fleißig, gütig und sich selbst bewusst. Wäre ich immer fleißig, hätte ich keine Zeit für die Menschen, die ich liebe. Wäre ich immer gütig, bliebe ich bei jedem, der mich mit hinunterzieht. Die Fähigkeit liegt also eine Ebene höher: zwischen den Rollen zu wechseln, je nachdem, was die Lage verlangt.

you can use your mind and your emotions as a tool to tap into different roles to solve that problem

Spielen ist dabei der ernste Teil, nicht der lockere. Wer Schach spielt oder Pirat, tritt in ein Regelwerk ein und geht darin bis zum Anschlag. Je ernster du das Spiel nimmst, desto mehr bringt es dir. Genau das macht auch die Trennung von Spieler und Figur aus Bist du der Spieler oder der Charakter? Die Figur darf träumen, rechnen oder zerreißen. Der Spieler bleibt derselbe.

Disney hatte drei Räume, du brauchst drei Stühle. Der Ortswechsel ist kein Beiwerk, er ist der Trick. Solange du sitzen bleibst, mischen sich die Rollen, und der Kritiker redet dem Träumer schon in den ersten Satz hinein.

this is the place of the dreamer this is where I dream this is where I don’t bind myself into one box

Wer eine eigene Idee gleich durch die drei Runden schicken will, kann das hier tun.

Der eigentliche Punkt des Videos steht am Ende. Wir wechseln ohnehin ständig zwischen diesen Zuständen, nur eben unbewusst. Ein Träumer ohne Rückweg baut Luftschlösser und wundert sich über den Aufprall. Ein Kritiker ohne Rückweg redet sich in Ausweglosigkeit hinein und nennt das Realismus. Das Verfahren ändert nicht, welche Rollen es in dir gibt. Es ändert, wer sie ruft und wann sie wieder gehen.

don’t let yourself run off the rails when you are in a state of being a dreamer

Die dritte Runde ist bei uns eine feste Einrichtung. Einmal im Jahr sitzt das Team zwei bis drei Stunden in einem red-team und greift die eigenen Annahmen an, mit der ausdrücklichen Aufgabe, Gegenbelege zu suchen. Danach gilt eine Regel, die den Kritiker vom Angstmacher trennt: Stimmt ein Einwand aus ersten Prinzipien, wird er eingebaut. Ist er nur Angst, wird er ernst genommen und präzise beantwortet. Auch die Runde des Realisten hat eine feste Form bekommen, eine Prüfkette aus zehn Fragen, deren unbequemste ein Datum verlangt. Beides steht in Wann ist Kritik ein Geschenk und wann nur Angst?

In der Arbeit mit KI liegt dieselbe Aufstellung nahe. Mein Modellteam ist heute nach Schwierigkeit sortiert und nicht nach Haltung: eines denkt, eines arbeitet, eines führt aus, nachzulesen in Wie baut man ein Team aus KI-Modellen? Zwei Teile der Methode stecken trotzdem schon drin. Dasselbe modell setze ich mal als Planer ein und mal als Prüfer über ein fertiges Ergebnis, also in zwei Runden derselben Sache. Und der Kritiker steht bei mir dauerhaft im kontext: In meinen Grundanweisungen verlangt eine eigene Zeile die unangenehme Wahrheit vor der angenehmen Antwort, siehe Muss man einer KI beibringen, unangenehme Wahrheiten zu sagen?

Der nächste Schritt wäre, die drei Rollen offen zu besetzen: ein Modell als Träumer mit weit gefasstem Auftrag, eines als Realist mit Zahlen und Terminen, eines als Kritiker mit dem Auftrag, den Plan zu zerlegen, jedes in einer eigenen Sitzung, damit keines die Runde davor schon kennt. Ich habe das noch nicht als festes Verfahren aufgeschrieben, deshalb steht es hier als Vorschlag und nicht als Praxis. In einem ki-department wäre es eine reine Frage der Aufstellung, und die Prüfung, ob es besser wird als der bisherige Weg, ist selbst wieder Runde drei.

Drei Runden, eine Idee

Runde eins, der Träumer. Setz dich auf den ersten Platz und lass alles gelten. Was wäre möglich, wenn nichts im Weg stünde? Wie sieht die größte Fassung dieser Idee aus? Kein Einwand, keine Zahl, kein Aber.. Runde zwei, der Realist. Wechsle den Platz und mach aus Runde eins einen Plan. Wie könnten wir das realistisch schaffen? Wer macht was bis wann? Was kostet es, und woran messen wir in acht Wochen, ob es trägt?. Runde drei, der Kritiker. Wechsle noch einmal und zerreiß den Plan aus Runde zwei. Wo bricht das zuerst? Wer wird dagegen sein, und mit welchem Recht? Der Kritiker greift den Plan an, nicht den Traum und nicht die Person.. Danach entscheidest du, von einem vierten Platz aus. Eine Entscheidung, die alle drei Stimmen gehört hat, hält länger als die beste Einzelmeinung.

Drei Stühle, eine Karte

Träumer, Realist und Kritiker als drei Spalten, mit ihren Fragen und Schreibraum. PDF · A4, 1 Seiten, , Stand 3. September 2026. /assets/denken/downloads/drei-stuehle-karte-de-2026-09-03.pdf

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2026-09-03: Gepflanzt aus dem eigenen Video über die [[disney-methode|Disney-Methode]], 2019.

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