Wann hörst du auf, das Drehbuch anderer zu leben?

Es gab einen Abend, an dem ich zum ersten Mal für mich selbst aufgestanden bin. Ab da habe ich aufgehört, die Zukunft zu leben, die Schule, Familie und Umgebung für mich vorgesehen hatten. 2016 habe ich diesen Moment den Schalter genannt und zwei Videos darüber aufgenommen. Der Name ist zu leicht für das, was er beschreibt. Das Umlegen dauert Sekunden, die Arbeit danach dauert Jahre.

Seit ich nach Österreich gekommen bin, war ich acht Jahre lang der Außenseiter. Ich hatte höchstens einen Freund oder eine Freundin, manchmal nicht einmal das. Nach außen war ich fröhlich, und das war keine Lüge. Ich hatte früh gelernt, dass ich glücklich zu sein hatte, damit alles in Ordnung ist. Zwischen glücklich wirken und sein Leben leben liegt ein Unterschied. Um den geht es hier.

Es war eine Klassenwoche in Wien. Drei Klassen fuhren mit, und in dieser Woche habe ich gemerkt, dass ich in keiner davon jemanden hatte. Ich wurde herumgeschickt, von den Burschen zu den Mädchen und zurück. Am Abend saß ich auf meinem Bett und war fertig. Dann kam jemand ins Zimmer, mit einer Plastikflasche, und hat angefangen, mir damit auf den Kopf zu schlagen.

Ich habe ihn zwei, drei Mal höflich gebeten aufzuhören. Ich hatte in der gesamten Unterstufe nie zurückgeschlagen, weil ich niemandem wehtun wollte. Er hat gelacht und weitergemacht. Also habe ich ihm die Flasche aus der Hand genommen und hingestellt. Er hat sie wieder aufgenommen. Ich habe sie noch einmal genommen und hingestellt. Beim dritten Mal habe ich ihn als ganze Person hochgehoben und auf den Boden gelegt. Dann habe ich angefangen zu lachen, und die anderen im Zimmer haben mitgelacht.

Ich kann was verändern. Ich kann für mich selbst aufstehen. Ich kann mein Leben leben.

Entscheidend an der Szene ist die halbe Sekunde, bevor ich das erste Mal nach der Flasche gegriffen habe. Ich wusste vorher, dass ich stärker war, und genau deshalb hatte ich jahrelang nichts getan. Da fiel eine Entscheidung, und sie war größer als der Abend.

Ich werde mir das nicht länger gefallen lassen, das ist nicht meins, das ist nicht richtig.

Danach war nicht alles gut. Das habe ich im Video ausdrücklich gesagt, und es stimmt bis heute. Aber ich hatte zum ersten Mal den Mut, für mich selbst einzustehen. Kurz danach habe ich etwas gefragt, vor dem ich mich sechs Jahre lang gefürchtet hatte, und ein Nein bekommen. Ich bin trotzdem daran gewachsen, weil die Entscheidung davor schon gefallen war.

Im September 2016 habe ich zwei Videos dazu aufgenommen. Der Schalter war darin ein Bild. Auf der einen Seite liegt die Vision, die andere für dich haben, Eltern, Schule, Gesellschaft. Auf der anderen Seite liegt deine eigene. Umlegen heißt, die erste loszulassen. Man braucht dafür noch keine klare eigene Vision. Das Loslassen kommt zuerst, das Bild wird später schärfer. Das ist der brauchbarste Teil der beiden Videos.

Den Preis dafür habe ich in denselben Videos genannt.

Ich habe jetzt sechs Jahre lang Persönlichkeitsentwicklung gemacht, jeden Tag vier Stunden oder fünf Stunden Videos geschaut und Hörbücher gehört.

Ein großer Teil kam aus dem amerikanischen Selbsthilfemarkt, viel davon von Tony Robbins. Seinen Kurs habe ich zehnmal gehört und trotzdem nicht in meinen Alltag gebracht, also habe ich mir einen einseitigen Lebensplan gebaut. Von der Sprache dieser Jahre bin ich heute weit weg, von der Beobachtung dahinter nicht. Wer einmal für sich selbst eingestanden ist, trifft danach andere Entscheidungen.

Der Schalter ist ein guter Moment und ein schlechter Plan. Meiner kam über eine Plastikflasche. Man kann Kindern schlecht acht Jahre Ausgeschlossensein zumuten, damit sie irgendwann aufstehen. In der Schule versuchen wir deshalb, dasselbe Ergebnis ohne diesen Weg zu bekommen. Paideia gibt Zugehörigkeit zuerst und baut Verantwortung darauf. Seit dem 20. August 2026 fangen die reifestufen bei einer Stufe null an, die niemand verdienen muss. Zugehörigkeit, Aufmerksamkeit, Pausen, Bewegung und eine Stimme im Morgenkreis gelten ab dem ersten Tag, nachzulesen in Ist Zugehörigkeit etwas, das man sich verdienen muss?

Der zweite Teil ist der schwierigere. Zugehörigkeit allein bringt ein Kind noch nicht dazu, für sich einzustehen. Dafür braucht es Verantwortung, die es auch verlieren kann, und Erwachsene, die eine Konsequenz aushalten, statt sie wegzuräumen. Ein mentor baut die Welt, setzt eine Herausforderung, hält die Konsequenz und liefert die Lösung nicht selbst. Die Heldengeschichte gehört dem Kind. Was das im Alltag heißt, steht in Was sollte Schule heute leisten?

Dazu gehört ein Umgang mit Kritik, der beides kann. Stimmt ein Einwand aus ersten Prinzipien, wird er eingebaut. Ist er nur Angst, wird er präzise beantwortet. Diese Unterscheidung hat mir mit vierzehn gefehlt. Ich habe jede Zumutung wie eine Wahrheit über mich behandelt und jede ehrliche Rückmeldung wie einen Angriff. Sie steht in Wann ist Kritik ein Geschenk und wann nur Angst?

Einen Satz aus dem alten Video würde ich heute streichen. Ich habe dort gesagt, jeder könne den Schalter jetzt sofort umlegen, in dieser Minute. Für die Entscheidung stimmt das, für das Leben danach ist es zu wenig. Geholfen hat die Arbeit der Jahre danach, mit vielen Rückschritten. Den Unterschied zwischen dir und der Rolle, die du gerade spielst, beschreibt Bist du der Spieler oder der Charakter? Was ein unangenehmes Gefühl im Moment davor meldet, steht in Was will dir ein unangenehmes Gefühl sagen? Was zwölf Jahre später daraus geworden ist, steht unter Paideia für Schulen.

Woran ich den Schalter heute erkenne

Jemand sagt, was er will, ohne vorher zu prüfen, wer im Raum das gutheißt.. Jemand hält eine Zusage, die niemand kontrolliert.. Jemand nimmt Kritik an der Sache an und wehrt trotzdem eine Behandlung ab, die ihm nicht passt.. Jemand kann sagen, wo er gerade wirklich steht, ohne dass sein Wert daran hängt.. Jemand hört auf, um Erlaubnis für etwas zu fragen, das ohnehin ihm gehört.

Diese Notiz wächst

2026-09-03: Gepflanzt aus den beiden Schalter-Videos und der Buchankündigung, September und November 2016.

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