# Welcher Dominostein fällt zuerst?

Momo Maximilian Feichtinger · Bildung · gepflanzt 2026-09-03, zuletzt gewachsen 2026-09-03 · 5 Min · https://zukunftbilden.eu/denken/der-erste-dominostein

**Zuerst fällt der kleinste. Der erste Dominostein ist die eine Handlung, die so klein ist, dass sie fast lächerlich wirkt, und die alles andere leichter oder unnötig macht. Ich suche also nicht den größten Schritt. Ich suche den kleinsten Anstoß, der von allein weiterläuft.**

![Zeichnung einer Reihe von Dominosteinen, die von links nach rechts größer werden, der erste winzig und blau, der letzte ragt oben aus dem Bild.](https://zukunftbilden.eu/assets/denken/der-erste-dominostein.webp)

*Das Denkmodell: Jeder Stein wirft einen um, der eineinhalbmal größer ist. Der erste entscheidet, wie weit die Reihe reicht.*

Das Video ist vom 3. Dezember 2019, mitten in einer Challenge mit neunzig Tagen täglicher Videos. Ich hatte kaum geschlafen. In der Nacht davor hatte ich vierzehn Seiten für ein Studienprojekt geschrieben, und der interessante Teil kam danach. Um zwei Uhr früh habe ich die Küche geputzt, dann das Zimmer, am nächsten Tag die nächste Abgabe geplant und dann noch dieses Video aufgenommen.

## Ein Prinzip in drei Verkleidungen

In der Physik ist Momentum Masse mal Geschwindigkeit. Ein Körper in Bewegung bleibt in Bewegung, ein Körper in Ruhe bleibt in Ruhe. Das Wörterbuch fügt etwas hinzu, das mir noch besser gefällt: die Kraft, die durch Bewegung oder durch eine Reihe von Ereignissen entsteht. Genau dasselbe steckt in kaizen, der fortlaufenden Verbesserung in kleinen Schritten, und im Zinseszins. Drei Namen, ein Prinzip.

Der unbequeme Teil steht gleich daneben. Das Prinzip kennt keine Richtung. Eine Serie weiterzuschauen erzeugt genauso Momentum wie eine Nachtschicht am Projekt. In derselben Nacht sehe ich beide Seiten: Teil eins hat vier Stunden gebraucht, Teil zwei zweieinhalb, Teil drei eine. Bewegung wird leichter, während sie läuft, und Stillstand wird ebenfalls leichter.

> Gedanken haben Momentum, Verhalten hat Momentum, Beziehungen haben Momentum.
>
> Momo im Video "Your greatest enemy or friend", 2019

## Die Frage nach dem einen Stein

Ein Dominostein wirft einen um, der eineinhalbmal größer ist als er selbst. Stellt man siebenundfünfzig davon auf, jeder eineinhalbmal größer als der vorige, reicht die Kraft aus dem ersten Anstoß bis zum Mond. Das Bild stammt aus dem Buch The One Thing von Gary Keller. Es rechnet gegen eine Gewohnheit an, die wir alle haben: Wir denken in geraden Linien, Schritt für Schritt, und deshalb suchen wir große Anfänge statt tragfähiger.

> Was ist die eine Sache, die du tun könntest, die alles andere leichter oder unnötig macht?
>
> Momo im Video "Your greatest enemy or friend", 2019

### Wie ich den ersten Stein suche

1. Schreib in einem Satz auf, was du eigentlich willst.
2. Frag nach der einen Handlung, die alles andere leichter oder unnötig macht.
3. Mach sie so klein, dass sie lächerlich wirkt. Ein Klimmzug. Ein Absatz. Eine Minute.
4. Häng sie an etwas, das ohnehin jeden Tag passiert.
5. Lass sie so lange stehen, bis sie von allein läuft, und erhöhe erst dann.

Mein eigenes Beispiel im Video ist eine Klimmzugstange im Türrahmen. Es gab keine Trainingseinheit, keinen Plan, keine Wiederholungszahl.

> Ich habe einfach jedes Mal, wenn ich durch eine Tür gegangen bin, einen Klimmzug gemacht, mehr nicht.
>
> Momo im Video "Your greatest enemy or friend", 2019

Über Monate hat das meine Schultern verändert, sichtbar, ohne dass ich je den Entschluss gefasst hätte, zu trainieren. Genau darin liegt der Trick. Ein Vorsatz, der Willen braucht, kostet jeden Tag Willen. Eine Handlung, die an einer Tür hängt, kostet nichts, weil die Tür ohnehin kommt.

## Wo der Dominostein und das Löschen zusammentreffen

Die Domino-Frage sucht die eine Handlung, die den Rest leichter macht. Der verbesserungs-algorithmus sucht von der anderen Seite dasselbe: Anforderung hinterfragen, löschen, vereinfachen, beschleunigen, automatisieren, in dieser Reihenfolge. Beide Male gewinnt man mehr durch das Weglassen als durch das Dazutun. Was man löscht, bevor man automatisiert, steht in [Was löscht man, bevor man automatisiert?](https://zukunftbilden.eu/denken/loeschen-vor-automatisieren)

Das ist auch der Grund, warum ich beim hebel selten mit dem größten Werkzeug anfange. Ein Hebel wirkt erst, wenn er an einer Stelle ansetzt, die sich täglich wiederholt. Welche Stellen das in einem Unternehmen sind, steht auf [der Seite über den Hebel](https://zukunftbilden.eu/hebel). Der nordstern sagt, wohin es geht. Der erste Dominostein sagt, womit heute begonnen wird.

## Die Bilanz nach neunzig Tagen

Am 22. Dezember 2019 kam das letzte Video der Challenge, und ich beginne es mit dem Satz, dass neunzig Tage tägliche Videos eine dumme Idee waren. Der Grund ist genau derselbe wie oben. Ich hatte Momentum, und ich habe es in Frequenz gesteckt statt in Qualität. Das Wichtigste hatte ich nach dem ersten Monat verstanden: Menge bringt die Ideen aus dem Kopf, und beim Aussprechen prüft man sie härter als beim Denken. Danach lief die Maschine weiter, weil sie lief.

Für ein Video, das ich jemandem zeigen will, brauche ich eine Woche. Ein bis zwei Tage für die Idee und das Skript, ein bis zwei zum Drehen, zwei zum Schneiden. Das habe ich damals schon so aufgezählt, und es ist die frühe Fassung einer Regel, die heute überall gilt: lieber unfertig als unsauber. Wo eine angefangene Sache trotzdem fertig gebaut gehört, steht in [Warum baut man Brücken fertig?](https://zukunftbilden.eu/denken/bruecken-fertig-bauen)

Am letzten Tag steht am Ende ein Bild, das ich behalten habe. Ein Muskel arbeitet nur, wenn ein Teil anspannt und ein anderer loslässt. Spannt man alles gleichzeitig an, steckt man fest und bewegt sich nicht mehr. Momentum braucht denselben Wechsel, sonst wird aus Bewegung ein Krampf.

Eine Sache würde ich heute anders bauen. Ich hatte ein Pfand gesetzt: Wer mich erwischt, wenn ein Tag fehlt, bekommt Geld von mir. Das hat funktioniert, weil ich einen drohenden Verlust stärker spüre als eine Aussicht auf Gewinn. Es hat mich aber auch dazu gebracht, an Tag sechzig Videos zu machen, die niemandem geholfen haben. Heute setze ich die Grenze auf die Qualität statt auf die Frequenz, und jede Änderung bekommt eine neue Version. Warum ich Einwände dagegen ernst nehme, statt sie abzuwehren, steht in [Wann ist Kritik ein Geschenk und wann nur Angst?](https://zukunftbilden.eu/denken/kritik-als-geschenk)

### Quellen und Links

- [Was löscht man, bevor man automatisiert?](https://zukunftbilden.eu/denken/loeschen-vor-automatisieren)
- [Warum baut man Brücken fertig?](https://zukunftbilden.eu/denken/bruecken-fertig-bauen)
- [Der Hebel](https://zukunftbilden.eu/hebel) · Wo dieselbe Stunde Arbeit ein Vielfaches an Wirkung erzeugt.

## Randnotizen

- **Randnotiz** Im Video sage ich zwischendurch, ich hätte zu viel vorbereitet und sei deshalb nervös. Sieben Jahre später halte ich genau das für den Beleg: Der Stein war schon ins Rollen gebracht, das Reden lief von allein.
- **Verknüpft**  [Was löscht man, bevor man automatisiert?](https://zukunftbilden.eu/denken/loeschen-vor-automatisieren), [Warum baut man Brücken fertig?](https://zukunftbilden.eu/denken/bruecken-fertig-bauen), [Der Hebel](https://zukunftbilden.eu/hebel)
- **Beleg** Video "Your greatest enemy or friend, you choose", 3. Dezember 2019, 29:00 Minuten. Video "Sorry I won’t see you tomorrow. Last day", 22. Dezember 2019, 8:36 Minuten. Beide Videos sind nicht gelistet, die Zitate stammen aus den Transkripten und sind aus dem Englischen übersetzt. Das Domino-Bild stammt aus Gary Keller, The One Thing.

## Wie diese Notiz gewachsen ist

- 2026-09-03: Gepflanzt aus zwei Videos der Neunzig-Tage-Challenge, Dezember 2019.

---

Quelle: https://zukunftbilden.eu/denken/der-erste-dominostein · Feed: https://zukunftbilden.eu/denken/feed.xml
